Der Kammermusikkreis
Home


 

KlangRäume von Hermann Rodenhausen


 

Die vorliegende CD mit Kompositionen von Hermann Rodenhausen versammelt 15 „spirituell motivierte“ Klangminiaturen, die das Prinzip der materialen Einfachheit verbindet. Mit ihrer patternorientierten Faktur und raumhaft-statischen Klanglichkeit stellen sie sich unüberhörbar in die Tradition der „minimal music“, die sie um eine originelle Variante bereichern. Der Eindruck einer klanglich-sakralen Archaik beruht auf der fast durchgehenden Verwendung von kirchentonalen Modi. In einigen Stücken (Schwebung, Lux aeterna, Verbum supernum) bildet der 2. Modus Olivier Messiaens den klangmaterialen Fundus. In Regenlicht dagegen evozieren die sich graduell verändernden Akkordbrechungen eine fast tonmalerische, flirrend-vibrierende impressionistische Klangfläche. Gelegentlich lassen sich auch Bezüge zu Arvo Pärts glockenähnlichem Tintinnabuli-Stil ausmachen (Lyra, Bizinium). In Hymnus und Pastorale, einer Szene „aux Champs“ en miniature, sind es Ostinatobildungen, die Kontinuität herstellen und die melodischen Verläufe verklammern.


Meditativ ist nicht nur die Klangwirkung der Musik, sondern auch ihr konzeptionelles Selbstverständnis. Gerichtete Zeit ist ihr fremd: Jeder einzelnen Komposition liegt eine spezifische strukturelle Idee zugrunde, die sich in einem auf graduellen Veränderungen beruhenden, fließenden klanglichen Kontinuum entfaltet, auf diese Weise eingekreist und reflektiert wird. Dabei durchdringen sich Komposition und Improvisation. Letztere erscheint in ganz unterschiedlichen Ausprägungen: Während in Hymnus und Elevation die Interpreten innerhalb eines vorgegeben formalen und metrischen Rahmens über die Abfolge der einzelnen auskomponierten Klangmodule spontan entscheiden können, ist es die Zeit, die in Adoration freigegeben wird: Das Violinmelos exponiert sich als eine metrisch ungebundene Klanglinie, die sich zentraltonorientiert und arabeskenhaft auf dem Untergrund eines Klangteppichs der Orgel frei ausbreitet.


Die enge Verwurzelung des Komponisten in der Kirchenmusik und ihrer musikalischen Formenwelt wird in vier Stücken offenbar, die bezeichnenderweise ausschließlich für Orgel komponiert sind und die man als freie Choralbearbeitungen ansehen kann. In Schwebung, Lux aeterna und Imago spiritualis bildet das Lied „Du höchstes Licht, du ew’ger Schein“ (EG 441) den abschnittsweise verarbeiteten cantus prius factus, während Verbum supernum auf dem Choral „Herr, für dein Wort sei hochgepreist“ (EG 196) beruht. An Schwebung läßt sich exemplarisch der symbolische Gehalt des Tonsatzes verdeutlichen: der in tiefer Lage erklingende und klangfarblich fahle cantus firmus kontrastiert zu seiner klanglich hellen und als Anabasis komponierten Begleitung: sie steigt im Verlauf des Stückes immer höher und gewinnt damit an Helligkeit, die symbolisch für die Strahlkraft des Lichtes steht.


Prof. Andreas Eichhorn (Köln)

Hörproben